DIE APOKALYPSE HAT BEGONNEN

Die ersten Fälle tauchten am Hauptbahnhof auf. Pendler, die aus der S-Bahn taumelten, aschfahl, die auf den Bahnsteigen zusammenbrachen, bevor sie sich mit mechanischer Langsamkeit wieder aufrichteten, glasige Augen, hängender Kiefer, Finger, die zuckten wie die Fäden kaputter Marionetten. Die Bundespolizei dachte zuerst an Crystal Meth. Dann begannen die Bisse.

Innerhalb von zwei Stunden verwandelte sich das Berliner U-Bahn-Netz, zehn Linien, 175 Bahnhöfe, das Rückgrat einer Viermillionenstadt, in ein Schlachthaus. Die U2, jene Linie, die sich wie eine Narbe quer durch die Geschichte der Stadt zieht, von Pankow bis Ruhleben, wurde zur Todesfalle: vollgestopfte Züge fuhren weiter, Türen klemmten, Schreie erstarben Wagen für Wagen, Station für Station. Am Knotenpunkt Friedrichstraße, einst der Tränenpalast der geteilten Stadt, wo Familien sich unter Schluchzen verabschiedeten, drängten sich Tausende zwischen Rolltreppen und der grauen Flut, die aus den Schächten quoll. Diesmal gab es keinen Abschied. Nur Stille, die sich fraß.

An der Oberfläche begriff Berlin nicht sofort. Auf dem Kurfürstendamm tranken Touristen noch Aperol Spritz vor der Gedächtniskirche, jenem hohlen Zahn der Geschichte, der schon einmal das Ende einer Welt überlebt hatte, als die ersten Infizierten aus den Lüftungsschächten der U-Bahn krochen, stolpernd im Nachmittagslicht. Die Leute filmten. Natürlich filmten sie. Das Video eines Mannes in einer Jack-Wolfskin-Jacke, der einem Dönerverkäufer am Zoo in den Hals biss, ging viral, siebenundzwanzig Millionen Aufrufe, bevor das Netz zusammenbrach.

Der Regierende Bürgermeister hielt um 18:47 Uhr eine Pressekonferenz im Roten Rathaus ab. Um 19:15 Uhr war das Rote Rathaus dunkel. Um 20:02 Uhr ging im Lagezentrum der Polizei am Platz der Luftbrücke niemand mehr ans Telefon.

Die Bundeswehr versuchte, Sperren entlang der großen Achsen zu errichten, Straße des 17. Juni, Karl-Marx-Allee, Frankfurter Allee. Aber Berlin ist keine Stadt, die sich einfach absperren lässt. Diese Stadt hat eine Mauer gehabt, achtundzwanzig Jahre lang, und selbst die hat am Ende nicht gehalten. Jeder Hinterhof, jeder Durchgang, jeder Seitenflügel eines Gründerzeitbaus war eine Bresche. Hubschrauber kreisten über dem Fernsehturm und brüllten Evakuierungsanweisungen, die niemand mehr hörte, übertönt vom Krachen berstender Schaufenster, den Sirenen der Feuerwehr, den Autoalarmanlagen und überall diesem dumpfen, kollektiven Stöhnen, das aus den Straßen aufstieg wie der Atem einer kranken Stadt.

Kreuzberg fiel zuerst. Die Kneipen in der Oranienstraße, wo noch vor einer Woche Punks und Studenten auf das Ende des Kapitalismus angestoßen hatten, bekamen ihr Ende, nur nicht das, auf das sie getrunken hatten. In Neukölln verbarrikadierten sich arabische und türkische Familien in ihren Wohnblöcken an der Sonnenallee, schoben Kühlschränke vor die Türen, rissen Gasrohre aus den Wänden als Waffen. In Prenzlauer Berg standen verlassene Kinderwagen auf den Bürgersteigen wie ein makabres Stillleben, die Latte-Macchiato-Generation war verschwunden, ohne ihre Bugaboos mitzunehmen.

Am Reichstag, jenem Gebäude, das gebrannt hat, geteilt wurde, verhüllt wurde und wiedergeboren, stand die Inschrift 'Dem Deutschen Volke' noch immer in Bronze über dem Portal. Darunter hämmerten Fäuste gegen die verschlossenen Türen. Fäuste, die nicht mehr wussten, warum.

In Charlottenburg verstummte die Deutsche Oper mitten in einer Vorstellung der Götterdämmerung. Wagner hätte es nicht besser inszenieren können. Im Olympiastadion, erbaut für Hitlers Spiele 1936, Bühne von Jesse Owens' Triumph, Schauplatz des WM-Finales 2006, irrten Schatten über das leere Spielfeld, angezogen vom Echo ihrer eigenen schlurfenden Schritte auf dem Rasen, auf dem Götze einst das Tor geschossen hatte, das eine ganze Nation zum Schreien brachte.

Bei Einbruch der Dunkelheit leuchtete das Brandenburger Tor noch immer. Angestrahlt in Weiß, wie es das bei jeder Tragödie und jedem Triumph der letzten Jahrzehnte gewesen war, nach dem Mauerfall, nach den Anschlägen, nach den Siegen. Nur dass diesmal niemand mehr durchging. Auf der Straße des 17. Juni, wo einst Millionen die Wiedervereinigung gefeiert hatten, wo David Bowie von einem Studio an der Mauer aus 'Heroes' für eine geteilte Stadt gesungen hatte, schlurften jetzt Gestalten durch die Dunkelheit. Hunderte. Tausende. Den Kopf gesenkt, die Arme hängend, angezogen von jedem Geräusch, jedem Lichtschein.

Berlin. Die Stadt, die sich immer wieder neu erfunden hat. Die den Kaiser überlebte, die Bomben, die Mauer, die Wende.

Diesmal gab es keine Wende.

Und in der Stille zwischen den Altbauten, irgendwo in diesem Labyrinth aus Hinterhöfen und Geschichte, öffneten sich vier Millionen Münder. Nicht um zu sprechen. Nicht um zu schreien. Um zu fressen.

7 Rollen. 28 Tage. Null Spielraum für Fehler.

  • 👑
    Anführer
  • 🏃
    Späher
  • 🛡️
    Panzer
  • 💉
    Sanitäter
  • 🍳
    Koch
  • 🔧
    Techniker
  • 💀
    Köder